Wissenswertes über FASD

Die Fetale Alkoholspektrumstörung (FASD) zählt zu den komplexesten neurologischen Entwicklungsstörungen, die sehr häufig vorkommt, aber leider nur sehr wenig bekannt ist.

Zahlen, Daten, Fakten

Nach aktuellen Schätzungen leben in Deutschland etwa 2 % der Bevölkerung mit einer Fetalen Alkoholspektrumstörung. Die Studienlage ist in Deutschland im internationelen Vergleich recht dünn, somit können wir von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen. Internationale Studien haben beschrieben, dass nur ca. 1 % der Menschen mit FASD die richtige Diagnose erhält. In den folgenden Ländern kommt FASD nicht unbedingt häufiger vor, aber es wird besser erkannt als in Deutschland:

  • Kanada: 4 %
  • USA (Kinder): 5 %
  • Schweden (Kinder): 5,5 %
  • Australien: 3,6 %

Zum Vergleich: Mit einer Autismus-Spektrum-Störung leben etwa 1-2 % der Bevölkerung. Da sich die Merkmale von FASD, ADHS und Autismus teilweise sehr ähneln, wird FASD häufig nicht erkannt. Ein schöner Spruch von meinem Freund Jeff Noble beschreibt es so: „Ist die Akte schwerer als das Kind, sollte man FASD in Betracht ziehen“.

Alkohol – ein gesellschaftliches Thema, besonders in Deutschland

Alkohol ist in vielen Kulturen fest verankert und gehört für viele Menschen selbstverständlich zum Alltag. Zwar ist der Alkoholkonsum in Deutschland insgesamt rückläufig, gleichzeitig hat sich jedoch der riskante Alkoholkonsum bei Frauen erhöht.

Auch im internationalen Vergleich gehört Deutschland zu den Ländern mit einem sehr hohen Pro-Kopf-Alkoholkonsum:

  • Deutschland: 12,9 Liter
  • Australien: 10,3 Liter
  • USA: 9,8 Liter
  • Schweden: 9,8 Liter
  • Kanada: 8,9 Liter

Setzen wir das ins Verhältnis zu den bekannten FASD Zahlen wird klar: Wir haben ein Problem in Deutschland.

Alkohol in der Schwangerschaft

Alkohol ist wasserlöslich und passiert die Plazentaschranke ungefiltert. Im Körper des ungeborenen Kindes wird Alkohol deutlich langsamer abgebaut als im Körper der Mutter, den es fehlen die Enzyme und eine funktionierende Leber. Dadurch kann die Gehirnentwicklung bereits sehr früh in der Schwangerschaft beeinflusst werden. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass ein Weihnachtsmarktbesuch mit zwei Bechern Glühwein und ein Schnaps für den Embryo ca. 5 Tage Alkoholeinfluss bedeutet. Und das ab Einnistung der Eizelle, also ab ca. dem 8. Tag der Schwangerschaft.

Schätzungen zufolge kommt eine pränatale Alkoholexposition bei 25 bis 50 % der Schwangerschaften vor – auch dann, wenn die Schwangerschaft bereits bekannt ist.

Der aktuelle wissenschaftliche Kenntnisstand ist eindeutig: Es gibt keine unbedenkliche Menge und keinen unbedenklichen Zeitpunkt für Alkoholkonsum während der Schwangerschaft.

Das Gehirn verarbeitet anders

Die sichtbarsten Folgen einer FASD betreffen meist nicht den Körper, sondern das Gehirn. Alkohol kann die Entwicklung verschiedener Hirnregionen und ihrer Vernetzung dauerhaft beeinträchtigen. Dadurch werden Informationen anders verarbeitet, gespeichert und miteinander verknüpft. Viele Fähigkeiten, die für andere Menschen selbstverständlich erscheinen, erfordern bei Menschen mit FASD deutlich mehr Anstrengung.

Häufig betrifft dies unter anderem:

  • die Verarbeitung neuer Informationen,
  • das Arbeitsgedächtnis,
  • die Verarbeitungsgeschwindigkeit,
  • die Aufmerksamkeit,
  • das Planen und Organisieren,
  • die Impulskontrolle,
  • die Emotionsregulation sowie
  • die Fähigkeit, Erfahrungen auf neue Situationen zu übertragen. 

Besonders wichtig ist dabei das Verständnis, dass diese Einschränkungen nicht konstant sein müssen. Die Leistungsfähigkeit kann je nach Tagesform, Stressbelastung, Schlaf, Reizdichte oder gesundheitlicher Verfassung erheblich schwanken. Was heute gelingt, kann morgen bereits eine große Herausforderung darstellen. Diese Schwankungen gehören zum Störungsbild und sollten nicht mit mangelnder Motivation oder fehlendem Interesse verwechselt werden. Der Alkohol schädigt übrigens nicht nur das Gehirn. FASD kann mit einer Vielzahl von Begleiterkrankungen einhergehen. Derzeit sind rund 428 Komorbiditäten beschrieben. Besonders häufig treten ADHS und andere psychische Erkrankungen auf. Darüber hinaus können unter anderem das Herz-Kreislauf-System, die Lunge, der Stoffwechsel, der Bewegungsapparat sowie das Immunsystem betroffen sein.

Wenn Wissen und Handeln nicht zusammen passen

Eine der größten Herausforderungen bei FASD besteht darin, dass Wissen nicht automatisch zu entsprechendem Handeln führt. Viele Menschen mit FASD kennen Regeln, können sie erklären und wissen, welches Verhalten erwartet wird. In der konkreten Situation gelingt es jedoch häufig nicht, dieses Wissen rechtzeitig abzurufen oder umzusetzen. Ursache dafür sind Veränderungen in den exekutiven Funktionen des Gehirns, die unter anderem für Selbststeuerung, Handlungsplanung und Impulskontrolle verantwortlich sind. 

Gerade unter Stress stehen diese Steuerungsprozesse oft nur eingeschränkt zur Verfügung. Deshalb ist es wenig hilfreich, Verhalten ausschließlich als Frage der Motivation oder Erziehung zu betrachten. Ein neurologisches Verständnis eröffnet neue Möglichkeiten, angemessene Unterstützung zu entwickeln.

Emotionen und Stressregulation

Die Verarbeitung von Emotionen erfolgt bei FASD häufig anders. Veränderungen unter anderem im Bereich der Amygdala und ihrer Verbindung zum präfrontalen Cortex können dazu führen, dass emotionale Reize intensiver oder anders verarbeitet werden. Bei FASD ist die Amygdala, unser emotionaler Feuermelder, häufig kleiner. Wie ein Feuermelder mit Wackelkontakt. Gleichzeitig stehen die Mechanismen zur Selbstregulation häufig nur eingeschränkt zur Verfügung. 

Gerät das Nervensystem in einen Alarmzustand, rücken Überlebensmechanismen in den Vordergrund. In diesen Momenten sind logisches Denken, das Abwägen von Konsequenzen oder das Abrufen zuvor gelernter Strategien häufig nur eingeschränkt möglich. Unterstützung bedeutet in solchen Situationen vor allem, Sicherheit zu vermitteln und das Nervensystem bei der Regulation zu unterstützen.

Sensorische Verarbeitungsstörung

Bei vielen Menschen mit FASD verarbeitet das Gehirn Sinneseindrücke anders. Geräusche, Licht, Gerüche, Berührungen oder bestimmte Materialien können deutlich intensiver wahrgenommen werden als von anderen Menschen. Umgekehrt werden manche Reize kaum registriert und deshalb verstärkt gesucht.

Sensorische Besonderheiten können sich beispielsweise zeigen durch:

  • eine hohe Geräusch- oder Lichtempfindlichkeit,
  • Schwierigkeiten mit bestimmten Stoffen oder Kleidung,
  • starke Reaktionen auf Gerüche oder Konsistenzen von Lebensmitteln,
  • Besonderheiten der Körperwahrnehmung,
  • Unsicherheit im Gleichgewicht oder in der Koordination,
  • sowie eine schnelle Überforderung in reizreichen Umgebungen. 

Diese Reaktionen sind Ausdruck einer veränderten sensorischen Verarbeitung. Werden sie erkannt und berücksichtigt, lassen sich viele belastende Situationen im Alltag reduzieren.

Stage not Age – Entwicklung vor Lebensalter

Ein wichtiger Grundsatz im Verständnis der FASD lautet „Stage not Age“ – nicht das Lebensalter, sondern der individuelle Entwicklungsstand sollte den Maßstab für Erwartungen und Unterstützung bilden.

Die Entwicklung einzelner Bereiche verläuft bei FASD häufig unterschiedlich. Während Sprache oder motorische Fähigkeiten altersentsprechend entwickelt sein können, liegen beispielsweise das Sprachverständnis, die emotionale Entwicklung oder soziale Kompetenzen teilweise deutlich darunter. Gleichzeitig können andere Bereiche besondere Stärken aufweisen. Oftmals passt die Faustformel: Halbieren wir das biologische Alter, ergibt das einen guten Anhaltspunkt für das funktionierende (handelnde) Alter. Das ist keine pauschal anwendbare Formel. Wir müssen dabei beachten, dass jedes Kind anders ist und wir genau hinschauen.

Eine entwicklungsorientierte Sichtweise hilft dabei, Überforderung zu vermeiden und Unterstützung passgenau zu gestalten. Sie bedeutet nicht, Erwartungen zu senken, sondern sie an den neurologischen Voraussetzungen auszurichten.

FASD ist ein Spektrum

FASD umfasst verschiedene diagnostische Erscheinungsformen – das Fetale Alkoholsyndrom (FAS), das partielle Fetale Alkoholsyndrom (pFAS) sowie die alkoholbedingte entwicklungsneurologische Störung (ARND). Diese Einteilung beschreibt jedoch nicht automatisch den Unterstützungsbedarf.

Auch Menschen ohne sichtbare körperliche Merkmale (ARND) können im Alltag erhebliche Herausforderungen erleben. Umgekehrt können Menschen mit FASD (Vollbild) in einzelnen Lebensbereichen gut zurechtkommen. Entscheidend ist daher immer die individuelle Betrachtung der vorhandenen Fähigkeiten und Unterstützungsbedarfe. 

Ressourcen wahrnehmen und stärken

Die öffentliche Wahrnehmung von FASD richtet den Blick häufig auf Schwierigkeiten. Ebenso wichtig ist es jedoch, vorhandene Ressourcen wahrzunehmen.

Viele Menschen mit FASD sind sehr offen, herzlich und unvoreingenommen. Kreativität, Fantasie, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft oder ein ausgeprägtes Gespür für zwischenmenschliche Stimmungen gehören häufig zu ihren Stärken. Diese Eigenschaften verdienen ebenso Aufmerksamkeit wie die neurologischen Herausforderungen. Werden Ressourcen erkannt und gezielt gefördert, können sie einen wichtigen Beitrag zu Teilhabe, Selbstwirksamkeit und Lebensqualität leisten und sind ein zentraler Aspekt für den weiteren Entwicklungsverlauf.

Verstehen schafft neue Handlungsmöglichkeiten

Ein neurologisches Verständnis der FASD verändert den Blick auf Verhalten. Viele Situationen, die zunächst als Unaufmerksamkeit, mangelnde Kooperation oder fehlende Einsicht erscheinen, lassen sich durch die Besonderheiten der Gehirnentwicklung erklären.

Dieses Wissen ersetzt keine pädagogische oder therapeutische Begleitung. Es schafft jedoch die Grundlage dafür, Erwartungen realistisch anzupassen, geeignete Unterstützungsstrategien zu entwickeln und Menschen mit FASD in ihrer individuellen Entwicklung zu begleiten.

Denn gelingende Unterstützung beginnt nicht mit der Frage, Was stimmt mit dem Kind nicht?“, sondern mit der Frage:

„Welche Rahmenbedingungen braucht dieses Gehirn, damit Entwicklung gelingen kann? Und wie muss ich mich verändern, um diesen Rahmen zu schaffen.“

Quellen

Spohr, H.-L. (2016). Das fetale Alkoholsyndrom: Im Kindes- und Erwachsenenalter. De Gruyter.

Kraus, L., Rauschert, C. & Seitz, N.-N. Schädigungen Dritter durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft.

WHO & OECDCDC – www.cdc.gov

CanFASD – www.canfasd.com

Wiley Online Library – https://doi.org/10.1111/apa.70059

ubMed – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40055941/

Malbin, Diane (2017). Trying Differently Rather Than Harder (FASCETS).

Clark, Barb (2025). Raising kids and Teens with FASD. Jessica Kingsley.

Popova, S. et al. (2016). Comorbidity of fetal alcohol spectrum disorder: A systematic review and meta-analysis. The Lancethttps://doi.org/10.1016/S0140-6736(15)01345-8